Seite auswählen

Eigentlich war eine Wanderung über den felsigen Lägerngrat und ein Besuch in der Walhalla, einer kleinen Höhle am Südhang des Höhenzugs geplant, doch angesichts der zu erwartenden Niederschläge schlug die professionelle Wanderleiterin als Variante den Besuch des Tüfels Chällers bei Baden vor. Vom Göttersitz zur diabolischen Unterwelt. Lieb, die alle einfach Stephanie nennen, mag Gegensätze genauso wie Wortspiele mit ihrem besonderen Nachnamen.

«Wenn jemand meinen Namen nicht versteht, sage ich einfach, ich heisse so, wie das Gegenteil von böse», lacht die fröhliche Frau und fügt an: «Einmal hatte ich tatsächlich einen Arbeitskollegen, der zum Nachnamen Satan hiess». Jetzt sitzt sie auf einem umgefallenen, moosbedeckten Baumstamm im Naturwaldreservat Tüfels Chäller umgeben von saftigen Ochsenzungen und Farnen und erzählt, wie viel ihr dieser besondere Ort bedeutet.

«Das ist Natur pur, für mich ein Kraft- und Rückzugsort, wo ich Energie tanken kann. Ziemlich genau unter uns befindet sich der Bareggtunnel, durch den täglich tausende von Autos brausen und nur wenige Kilometer von diesem Naturjuwel entfernt erstreckt sich das dicht besiedelte Limmattal. Aber hier ist davon absolut nichts zu hören», freut sich die Berufswanderleiterin. Dann zieht sie ein Blatt mit einer Grafik aus der Tasche und erklärt ihrem Gast, wie vor etwa 100'000 Jahren ein Teil des Baregg-Osthangs absackte und damit das bizarre System von Felsen, Felstürmen und Höhlen schuf.

Von High Heels zu Wanderschuhen

Als junge Frau studierte Stephanie in Deutschland Betriebswirtschaft. Nach dem Studium träumte sie davon, Managerin zu werden. «Ich stellte mir vor, dass ich dereinst in schwarzen Stiletto-Heels und einem ebenso schwarzen Hosenanzug mit der Aktentasche unter dem Arm in das Besprechungszimmer tänzle, wo eine Gruppe Mitarbeitende auf meine Erläuterungen zu den Quartalszahlen wartet», verrät sie schmunzelnd. Heute ist Stephanie weit weg von einer solchen Karriere. Viel wohler fühlt sich die Strahlefrau in Jogging-, Kletter- oder in Wanderschuhen. «Alles ist besser in Wanderschuhen», ist auf ihrer Website StepBySteph zu lesen. Stephanie schwärmt von ihrer heutigen Anstellung als Finanzverantwortliche der Fachstelle Limita. Das ist eine Organisation, die sich mit Präventionsangeboten für den Schutz vor sexueller Ausbeutung von Kindern, Jugendlichen und Menschen mit Behinderungen einsetzt. Erleichtert stellt die gelernte Betriebswirtschafterin fest: «Ich bin froh, dass ich nicht mehr in einem Unternehmen arbeite, das Gewinne erwirtschaften muss. Was ich jetzt tue, ist für sinnstiftend und macht mich zufrieden».

Die Seven Summits, ein verblasster Traum

Auch sportlich zog es Stephanie früher hoch hinaus. Die dynamische Alpinistin wollte einmal die höchsten Berge aller sieben Kontinente besteigen, ein Ziel, das für sie durchaus realistisch war. Mit dem 6.962 Meter hohen Aconcagua in Argentinien hatte sie 2019 das Dach Südamerikas erreicht. „Das war ein einmaliges und grossartiges Erlebnis. Beim Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu stehen und die Erdkrümmung zu erkennen, ist schlicht unvergesslich“. Heute braucht sie die Seven Summits nicht mehr. „Ich bin zurückhaltender geworden und verzichte, wenn immer möglich, auf Langstreckenflüge. Meine persönliche Zufriedenheit suche und finde ich in anderen Tätigkeiten“. Dann erzählt Stephanie die Geschichte vom Klettertraining mit handicapierten Jugendlichen und Erwachsenen. „Zusammen mit meinem Mann Johannes entschied ich mich, die Ausbildung zur PluSport Behindertensportleiterin zu machen.

Inzwischen leiten wir im Kraftreaktor Lenzburg monatlich Klettertrainings. In unserer Klettergruppe haben wir einen Sportler, der sich zu Beginn kaum traute an der Kletterwand höher als fünfzig Zentimeter zu steigen. Jetzt schafft er es bereits auf knapp zwei Meter“, berichtet Stephanie voller Stolz. „Dass ich bei anderen Menschen Entwicklungen anstossen kann, ist mir heute wichtiger und wertvoller als die Besteigung des Mount Everest“.

Wolfsfrau und Lichtergöttin Brigid

Beim steilen Aufstieg zum Chrüzliberg oberhalb Badens wird es warm und Stephanie zieht ihre Regenjacke aus. Jetzt wird ihr kunstvolles, grossflächiges Tattoo am rechten Oberarm sichtbar. Es stellt ein hübsches Frauengesicht dar, welches aus dem Rachen eines Wolfs lächelt. Darunter sind der Aconcagua und die Sonne abgebildet. Die Wolfsfrau gebe ihr Kraft und Sicherheit, erklärt Stephanie. Sie sei das Symbol für Stärke, Freiheit und Unabhängigkeit und weise auf eine tiefe Verbindung zur Natur hin. Genau deshalb passe das Sujet so gut zu ihr. Kurz darauf verrät die 41-jährige, dass sie noch ein weiteres Tattoo plane. Was es genau werden wird, verrät sie noch nicht. Aber die keltische Feuer- und Lichtergöttin Brigid wird ein Thema sein.

Feuer spielt im Leben von Stephanie eine wichtige Rolle. Seit einigen Jahren gehören sie und ihr Mann der freiwilligen Feuerwehr von Spreitenbach – Killwangen an. «Wir wohnen in Spreitenbach und wollten uns hier integrieren. Das war unter anderem unsere Motivation, uns bei der freiwilligen Feuerwehr zu bewerben», begründet sie ihren Entscheid. Als Feuerwehrfrau wollte sie zudem lernen, unter Stress rasch und sicher zu reagieren.

Die sportliche Frau verfügt über eine Ausbildung im Bereich Atemschutz und wird zudem als Fahrerin des 18 Tonnen schweren Tanklöschfahrzeugs eingesetzt, welches sie sorgfältig und respektvoll zu den Brandplätzen steuert. Weil sie ein aktives SAC-Mitglied ist, bringt sie für anstrengende Übungen und Einsätze die notwendige Fitness mit. Die Feuerwehrfrau schätzt die Kameradschaft im Team sehr. «Ich fühle mich voll akzeptiert und kann mich in schwierigen Situationen jederzeit auf die Unterstützung meiner Kollegen verlassen».

Hündin Fly, eine wundersame Fügung

Wie die Jungfrau zum Kinde, sind Stephanie Lieb und ihr Mann Johannes zur Australien Shepherd Hündin Fly gekommen. Kurz vor Ausbruch der Corona Pandemie fuhr das kinderlose Ehepaar für einige Tage nach Deutschland in Yoga Ferien. Dort trafen sie auf eine Tierärztin, die vier Hunde betreute. Die Hündin Fly war eine Art «Scheidungshund», den die Ärztin nach der Trennung der früheren Besitzer bei sich aufgenommen hatte. Man kam ins Gespräch, ging auf gemeinsame Spaziergänge, fand die Tiere lustig und unterhaltsam, aber einen eigenen Hund besitzen? Johannes hätte es sich vorstellen können, Stephanie war eher skeptisch, denn zukünftige Hochtouren und Expeditionen hätte der Vierbeiner verhindert oder zumindest deutlich erschwert. Eineinhalb Monate nach den Yoga-Ferien erreichte die beiden Wahlschweizer ein Nottelefon aus Deutschland. Fly wurde von den drei anderen Hunden der Tierärztin massiv ausgegrenzt. Sie suchte dringend ein neues Plätzchen für die Hündin. «Könntet ihr Fly nicht versuchsweise für eine Weile zu euch nehmen»? fragte die Hundebesitzerin hoffnungsvoll. Stephanie und Johannes willigten ein, holten Fly ab und brachten sie über die Grenze in die Schweiz. Zwei Tage später sandte die Tierärztin eine WhatsApp-Nachricht mit drei Smileys und folgendem Text: «Eben sind die Grenzen zwischen Deutschland und der Schweiz bis auf unbestimmte Zeit geschlossen worden». Stephanie lacht: «Das war kein Zufall. Fly hatte ihren Weg zu uns gefunden».

Ein Blick in die Zukunft

Auf die Frage, was die umtriebige Stephanie Lieb wohl in fünf Jahren machen werde, meint sie: «Ich hoffe, dass ich meine vielfältigen Kenntnisse und Kompetenzen aus der Wanderleiterausbildung noch öfters anwenden kann. Ich möchte für die Organisation Aargauer Wanderwege Wanderungen organisieren und im Naturpark JuraPark Aargau vermehrt Exkursionen durchführen, bei denen ich Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen die Natur näherbringen kann. Als professionelle Wanderleiterin freue mich darauf, selber Wanderungen oder Schneeschuhtouren anzubieten und mit Gruppen unterwegs zu sein und auch hier Entwicklungen oder neue Blickwinkel auf das Leben bei meinen Gästen anzuregen. Zum Schluss des Gesprächs offenbart die Powerfrau noch eine Schwäche: «Ich interessiere mich für so viele verschiedene Themen und werde ab und zu angefragt, ob ich eine neue, spannende Aufgabe übernehmen könnte. Dann fällt es mir jeweils schwer, nein zu sagen». Vielleicht zieht sie sich vor der nächsten schwierigen Entscheidung in den Tüfels Chäller zurück und überlegt sich in der Stille ihres Kraftortes die richtige Antwort. 

Martin Gross 18.9.2025