Die Berufswanderleiterin Sabina Bösch würde gerne als Nomadin leben. Martin Gross hat sie auf einer Erkundungstour über den Pass da Schmorras zwischen Savognin und Ausserferrera begleitet und dabei viel über ihr abwechslungsreiches Leben erfahren.
Geschafft! Nach dem zweistündigen Aufstieg hält sich Sabina Bösch am etwas schräg stehenden Wegweiser fest, der den höchsten Punkt des Übergangs zwischen dem Val Surses und dem Val Ferrera markiert. Er bestätigt: 2563 Meter über Meer.
Dann stockt ihr für einen Moment der Atem: Aus einem Loch zwischen Steinen klettert ein Grasfroschweibchen, mit einem kleineren Männchen huckepack auf dem Rücken. Sofort ist ihr Interesse geweckt. Sie kniet sich hin und betrachtet die Tiere genau. «Hallo, Froschkönigin! Keine Sorge, wir wollen dich nicht stören und lassen euch gleich wieder in Ruhe», sagt sie leise.
Sechzig Meter tiefer liegt ein fast kreisrunder Bergsee, zur Hälfte von Schnee und Eis bedeckt. Die Farben und Strukturen wirken wie ein riesiges Batiktuch. Vielleicht wird das Froschpaar schon bald dorthin aufbrechen.
Mit Gästen auf dem Alpenpässeweg
Wir befinden uns mitten im Tätigkeitsgebiet von «Wanderina» – so nennt sich Sabina Bösch selbst. Auch ihre Website trägt diesen Namen. Die heutige Tour dient der Vorbereitung eines Abschnitts ihrer achttägigen Mehrtageswanderung auf dem Alpenpässeweg.
«Rekognoszieren ist eine wichtige und schöne Aufgabe», erklärt sie. «Oft bin ich allein unterwegs, manchmal begleitet mich jemand. Es kommt vor, dass ich mehrere Wegvarianten teste – das kann für Begleitpersonen anstrengend sein.»
Beim Erkunden taucht sie tief in die Landschaft ein. Sie beobachtet, lässt sich treiben, entwickelt Ideen für ihre Touren und prüft die Schlüsselstellen. «Sicherheit ist zentral. Gute Vorbereitung schützt vor unangenehmen Überraschungen. Aber Unvorhergesehenes gehört immer dazu.»
Eine magische Begegnung
Ihr Blick wandert nach Westen. «Dort liegt das Safiental. Ich habe dort einmal bei einer Alpensalamander-Zählung mitgeholfen», erzählt sie.
Da Salamander sich bei trockenem Wetter verstecken, finden solche Zählungen im Regen statt. Am Vorabend jedoch war es trocken. Bösch stieg allein auf eine Anhöhe. Unter ihr lag eine Weide voller Murmeltierhöhlen.
Dank der Warnpfiffe der Tiere entdeckte sie einen grossen grauen Hund – doch kein Mensch war zu sehen. «Da wurde mir klar: Das ist ein Wolf. Meine erste Begegnung mit einem Wolf.»
Pippi Langstrumpf als Vorbild
Schon als Kind war Sabina Bösch von Tieren fasziniert. «Mein Vorbild war Pippi Langstrumpf – mit ihrem Pferd und dem Affen.»
Ein eigenes Pferd hatte sie damals noch nicht. Später kaufte sie sich einen Esel, und ihre Hündin Zora begleitete sie viele Jahre. Gemeinsam überquerte sie Alpenpässe und wanderte drei Monate lang von Basel bis in die Cevennen.
Warum sie darüber kein Buch geschrieben hat? «Früher kam mir das gar nicht in den Sinn. Und heute gibt es viele, die solche Geschichten erzählen.»
Im Pyjama durchs Dorf
Auch sonst lebte sie ihren Bewegungsdrang aus. Als Kind flocht sie Drähte in ihre Haare, damit sie wie bei Pippi Langstrumpf abstanden. Sie übernachtete im Zelt im Garten und streifte nachts mit anderen Kindern durchs Dorf.
Später kletterte sie mit einem Freund auf Bäume und Dächer – bis die Polizei eingriff. «Zu Recht», sagt sie heute.
Kürzlich absolvierte sie die Zusatzausbildung T4 und darf nun auch auf anspruchsvollen Alpinwanderwegen führen. Besonders in steilen Grasflanken habe sie grossen Respekt, erzählt sie.
Reitpädagogin, Cowgirl und Zirkusmitarbeiterin
Pferde spielten lange eine zentrale Rolle in ihrem Leben. Als Primarlehrerin und Reitpädagogin arbeitete sie in einem sonderpädagogischen Heim.
Immer wieder zog es sie ins Ausland, besonders nach Island. Dort organisierte sie Pferdetrekkings und half beim Zusammentreiben von Schafen im Hochland. «Wir waren etwa zwei Wochen unterwegs – das war echtes Cowgirl-Feeling.»
Später arbeitete sie drei Jahre beim Zirkus, betreute und trainierte die Pferde. Sie stand nie im Rampenlicht, sorgte aber hinter den Kulissen für einen reibungslosen Ablauf.
Die Nomadin wird sesshaft
Auf die Frage nach ihrer Heimat antwortet sie klar: «Basel.» Dort ist sie aufgewachsen, dort fühlt sie sich verwurzelt.
Nach vielen Jahren unterwegs ergab sich die Möglichkeit, wieder dorthin zurückzukehren und in einer Wohngemeinschaft zu leben. Gleichzeitig fand sie eine Teilzeitstelle bei den Aargauer Wanderwegen.
Nebenbei bietet sie als selbständige Wanderleiterin eigene Touren an. «Mehrtageswanderungen haben etwas Nomadisches», sagt sie. «Aber Familie und Freunde fehlen unterwegs.»
In zwei Wochen wird Sabina Bösch den Pass da Schmorras erneut überqueren – diesmal mit Gästen. Vielleicht erzählt sie ihnen dann auch die Geschichte der Froschkönigin. Ob diese ihr Ziel erreicht hat, bleibt jedoch ein kleines Geheimnis der Berge.